II. Symposium

01.12.2006

Dialog der Kulturen als europäische Chance-II

Werte in der postmodernen Gesellschaft

Abgeordnetenhaus von Berlin



Werte in der postmodernen Gesellschaft

 

Am 1. Dezember 2006 organisierte FID e.V. in Zusammenarbeit mit dem Hauptverband INFRANEU e.V. das zweite Symposium. Diesmal mit dem Thema „Dialog der Kulturen als europäische Chance II: Werte in der postmodernen Gesellschaft. Die Veranstaltung fand im Abgeordnetenhaus von Berlin statt, welches auch schon im letzten Jahr Heim für diese Veranstaltung gewesen ist. Wie auch im letzten Jahr sind erneut über 200 Gäste aus allen Bereichen erschienen. Wissenschaft, Medien, Religion und Politik sowie zahlreiche Vertreter von Botschaften waren anwesend.

Die Veranstaltung lief unter der Schirmherrschaft von Prof. Dr. Rita Süßmuth (Präsidentin des Bundestages a.D.) und Walter Momper (Präsident des Abgeordnetenhauses von Berlin). Siebzehn Referenten aus den Bereichen Politik, Religion, Wissenschaft und Medien erläuterten die Bedeutung von Werten aus ihrer eigenen Perspektive. Die Eröffnungsreden des Tages hielten Walter Momper und Herr Dr. Lothar de Maizière, der letzte und einzig frei gewählte Ministerpräsident der DDR.
In seinen einleitenden Worten erläuterte Walter Momper, dass das Symposium vor allem deshalb von großer Bedeutung sei, da in Deutschland die Wertediskussion auch auf politischer Ebene so intensiv wie noch nie geführt werde. In einer Zeit der individualisierten und globalisierten Werte müsse eine Gesellschaft sich ihren jeweiligen Wertekanon erkämpfen, doch zu diesem Ziel seien Veranstaltungen wie die des Forums für Interkulturellen Dialog e.V. (FID) nötig.
Dr. John B. Taylor, Islamwissenschaftler und Vertreter des IARF (Verband für Internationale Religionsfreiheit) der Vereinten Nationen in Genf, referierte über Meinungs- und Religionsfreiheit als zwei wichtige Menschenrechte. Er beklagte, dass Journalisten, Politiker, Schriftsteller und religiöse Führer die Meinungsfreiheit häufig in einer Art und Weise ausnutzen, die zur Schürung von Konflikten beitrage und als Endergebnis der Gesellschaft Schaden zufüge. Salman Rushdies „Satanische Verse“ seien ein Beispiel dafür. Ein globaler Bürger zu sein, erforderte heutzutage, globalen Werten Respekt zu zeigen, so Taylor. Weiterhin wies er auf eine auch in Europa verbreitete Doppelmoral hin, die jede Form von antisemitischen Veröffentlichungen und Äußerungen verurteile, die gleiche Art von Äußerungen über den Islam jedoch ausdrücklich erlaube oder für gerechtfertigt halte. Im Hinblick auf Religions-, Glaubens- und Gewissensfreiheit stellte Taylor fest, dass sich die Lage seit dem Zweiten Weltkrieg verbesserte habe. Dennoch müssten die Bemühungen, jede Form von Intoleranz in der Gesellschaft zu eliminieren, weitergehen.
Rabbiner Dr. Walter Homolka, Vorstandsmitglied der „World Union for Progressive Judaism“ und Direktor des Abraham-Geiger-Kollegs an der Universität Potsdam, betonte die vielen Gemeinsamkeiten von Juden und Muslimen und bezeichnete sie als „Halbbrüder“. Zwischen beiden sehe er eher Gemeinsamkeiten als zwischen Juden und Christen, eine Feststellung, die einiges Nachdenken ausgelöst haben dürfte, da Christen dazu tendieren, sich Juden wesentlich näher zu fühlen als Muslimen. Homolka drückte auch seine Freude über die Anwesenheit vieler junger Menschen in Berlin aus und regte dazu an, im Rahmen anderer Veranstaltungen gezielt jüdische und muslimische Jugendliche in einer Atmosphäre des Dialogs zusammenzubringen. Der Dialog, so Homolka weiter, müsse jedoch davon geprägt sein, den anderen anders sein zu lassen: Ein weiteres Plädoyer für Toleranz an diesem Tag.
Prof. Dr. Dr. Manfred Görg von der Katholisch-Theologischen Fakultät der Ludwig-Maximilian Universität bezeichnete in seinem Beitrag Toleranz als mehr als nur ein „Gewährenlassen“. Wahre Toleranz im christlichen Sinne kenne als einzigen Maßstab die Liebe als oberstes Prinzip des Gewissens. Hier gälten die Worte des Kirchenlehrers Augustinus: „Liebe! Und dann tu, was du willst“, in dem Sinne, dass einem Menschen, der wahrhaft liebt, kein Fehlverhalten möglich ist. Im Nebeneinander der religiösen Kulturen einerseits und der weitgehenden Entfremdung vom Religiösen andererseits könne es, so Görg weiter, zur Sicherung des Friedens in der Gesellschaft nur darum gehen, auf der Basis vernünftiger Regeln des Zusammenlebens im Geist einer verständnisbereiten und zugleich diskussionsfähigen Toleranz, eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Er fügte hinzu, dass aus christlicher Sichtweise die wahre Gerechtigkeit aus der grenzenlosen Liebe Gottes zu den Menschen entspringe, die den Menschen zu immer neuen Anstrengungen um ein Zusammensein in Frieden beflügelt und befähigt.
Dr. Jürgen Nielsen-Sikora von der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln brachte in seinem Beitrag die säkulare Sichtweise auf die Werte der Gesellschaft ein und verteidigte eine Verfassung ohne Gottesbezug, die durch ihre Neutralität die Rechte der Menschen ungeachtet ihrer Zugehörigkeit zu einer Religion schützt.
Der Bundestagsabgeordnete Prof. Dr. Hakki Keskin appellierte an die Deutschen, zu akzeptieren, dass in Deutschland Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, Religionen, Ethnien und Traditionen leben und forderte dazu auf, sich durch Austausch gegenseitig zu bereichern. Das Verhalten der EU der Türkei gegenüber bezeichnete er als „Ausgrenzung“ und nannte es einen Verlust für den Interkulturellen Dialog.
Muhammet Mertek, Pädagoge und Autor, griff das Thema der Wertvermittlung auf und brachte dazu den im Arabischen und Türkischen geläufigen Begriff „adab“ in die Debatte ein. Dabei sprach er über die Werte der muslimischen Kultur und wie ihr Beitrag zur Erziehung der jungen Generation aussehen könnte: „Das Konzept, über die sachkundige Erziehung des Egos eine Einheit von Seele und Verstand herzustellen, ist nicht neu, sondern tief in der muslimischen Kultur verankert. Es trägt den Namen „Adab“ und umfasst die Felder Bildung und Erziehung, Wohlverhalten, Disziplin, gutes Benehmen, Höflichkeit, Anstand und gute Literatur.“

In einem ähnlichen Zusammenhang stand der Beitrag von Dr. Halit Öztürk, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Freien Universität Berlin. Vor dem Hintergrund der wachsenden Gewalt an Schulen und der Angst von Eltern, Lehrern und Schüler, lieferte er einen interessanten Beitrag über die Wertbilder Jugendlicher, in dem er aufzeigte, dass Jugendliche sehr wohl über Werte verfügten, auch wenn ihr äußeres Verhalten bei den Älteren Unbehagen auslöse. Neben diesen genannten gab es weitere Redner, die alle auf ihre Weise die Perspektive der Zuhörer erweiterten. Unter Ihnen war auch die Journalistin Ute Hempelmann, die die Veränderungen in der Arbeitsweise der Medien im Laufe der Jahre ihrer Tätigkeit skizzierte und feststellte, dass ein stetig steigender Kosten- und Zeitdruck zwangsläufig zu Qualitätseinbußen in der Berichterstattung führen müsse. Und Kendra Thiemann, Redakteurin der „Zukunft“ lud die Anwesenden zu Ehrlichkeit und Offenheit im Umgang mit sich und den eigenen Vorurteilen wie auch auf zwischenmenschlicher Ebene ein. Auch sie wies unter Bezugnahme auf die Worte Görgs über Augustinus darauf hin, dass die innere Haltung bei jeder Handlung des Menschen entscheidend sei und diese Haltung sich auf die Arbeit eines Journalisten auswirke.
Prof. Dr. Rita Süßmuth, die ehemalige Präsidentin des Deutschen Bundestages und frühere Vorsitzende der Zuwanderungskommission und des Sachverständigenrates für Zuwanderung und Integration, rundete als Schirmherrin des Symposiums, die Veranstaltung mit ihren Schlussworten ab. Sie unterstrich, wie wichtig es sei, bei allen Diskussion um Verschiedenheiten auch das Zugehörigkeitsgefühl von Zuwanderern zu stärken. Wenn dieses in der Vergangenheit gelungen wäre, gäbe es viele der heutigen Probleme nicht. „Wir müssen damit aufhören, bei ihnen auf Grund ihrer Verschiedenheiten nach Fehlern zu suchen“, forderte Frau Süßmuth. Auch sprach sie sich dafür aus, das Potenzial der Zuwanderer für das Wohl des Landes zu verwerten und nannte Zahlen der Hertie-Stiftung, die begabte Zuwandererkinder fördert: 40 Prozent dieser Kinder kämen aus Familien, die von Sozialhilfe lebten, ein bisher übersehenes Potenzial.

Frau Süßmuth sagte weiter, sie kämpfe gegen die „Teilung einer Gesellschaft nach ethnischen Identitäten“ und bezeichnete die Frage, ob es uns gelingen wird, mit religiösen und kulturellen Verschiedenheiten zu leben, als wichtigste Auseinandersetzung des 21. Jahrhunderts. Dabei spielten die Werte eine wichtige Rolle. Nur solche Werte, die gelebt würden, seien auch Werte und nicht die, die nur gepredigt werden. Aus diesem Grunde werde sie vorschlagen, eine Veranstaltung wie diese im nächsten Jahr im Bundestag abzuhalten.
Zahlreiche Teilnehmer äußerten sich sehr überrascht, über die vielen Gemeinsamkeiten, die sich im Laufe der Diskussionen zeigten. Womöglich sind die Differenzen zwischen Muslimen und Christen, Migranten und Deutschen, Atheisten und Gläubigen doch nicht so groß, wie sie den Anhängern der huntingtonschen These vom „Kampf der Zivilisationen“ angenommen werden und wie manche Politiker, Intellektuelle oder Medienmacher glaubhaft versichern wollen. Es hat den Anschein, als sei das Problem nicht der Mangel an Gemeinsamkeiten, sondern das mangelnde Bewusstsein über die vorhandenen Gemeinsamkeiten.

Auf dem Symposium waren 200 Menschen unterschiedlichster Herkunft und unterschiedlichster religiöser Überzeugungen. All diese Menschen haben sich im Abgeordnetenhaus von Berlin zusammen gefunden und haben sich über Werte, Dialog und ihre gemeinsame Verantwortung als Mensch für den gesellschaftlichen Frieden ausgetauscht. November 2007 wird das dritte Symposium dieser Art folgen. Hoffen wir, dass dieses genauso erfolgreich sein wird und genauso wertvolle Botschaften für die Menschheit liefern wird.

 

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