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Was Helsinki über Integration lehrt: Ein Besuch in der Bibliothek Oodi

  • vor 19 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Autor: Kadir Boyaci

Letzte Woche war ich im Rahmen eines Erasmus+ Projekts in Helsinki. Ein Programmpunkt ist mir besonders im Gedächtnis geblieben: mein Vortrag zum Thema "Meine neue Heimat und Herausforderungen".


Oodi - Eine Bibliothek, in der man mehr als Bücher findet
Oodi - Eine Bibliothek, in der man mehr als Bücher findet

Gehalten habe ich ihn in einem Seminarraum. So weit, so gewöhnlich. Dieser Raum lag allerdings mitten in der Zentralbibliothek Oodi.


Eine Bibliothek, in der man mehr als Bücher findet


Oodi ist kein stiller Ort, an dem man nur Bücher ausleiht. In dem von ALA Architects entworfenen Gebäude gibt es Werkstätten mit 3D-Druckern und Nähmaschinen, Tonstudios, Arbeitsräume, ein Kino und ein Restaurant. Bücher findet man natürlich auch.


Oodi wird oft als Wohnzimmer Helsinkis bezeichnet. Nach ein paar Stunden dort konnte ich gut verstehen, warum. Der Eintritt ist frei, niemand muss etwas kaufen und drei Zugänge führen ebenerdig in das Gebäude. Menschen kommen zum Lesen und Arbeiten, lernen gemeinsam Deutsch oder Finnisch oder treffen sich einfach zum Reden.


Gerade diese Selbstverständlichkeit hat mich beeindruckt. Niemand muss erklären, warum er da ist. Man darf einfach hereinkommen und bleiben.


Die Menschen in Helsinki durften mitplanen


Die Beteiligung der Bevölkerung begann bereits 2008 mit einer breiten Befragung. Später konnten die Menschen über den sogenannten "Tree of Dreams", den "Baum der Träume", ihre Wünsche für die neue Zentralbibliothek einreichen. Rund 2.300 Ideen kamen zusammen.


Die Stadt wertete diese Wünsche aus und bezog sie in die Kriterien des internationalen Architekturwettbewerbs ein. Gewünscht wurden unter anderem ruhige Bereiche, Angebote für Familien, Möglichkeiten zum gemeinsamen Lernen sowie Räume für Veranstaltungen und digitale Angebote. Den Wettbewerb gewann schließlich ALA Architects.


Oodi war eines von zwei Vorzeigeprojekten zum 100. Jahrestag der finnischen Unabhängigkeit. Die Bibliothek öffnete am 5. Dezember 2018, einen Tag vor dem finnischen Unabhängigkeitstag.


Für mich passt diese Entstehungsgeschichte gut zu dem, wofür wir bei FIDeV stehen: Gute Ergebnisse entstehen selten, wenn Entscheidungen ausschließlich von oben getroffen werden. Es macht einen Unterschied, wer mitreden darf und wessen Erfahrungen in die Planung einfließen.


Muss Integration immer im Amt beginnen?


Ausgerechnet an diesem Ort vor neu zugewanderten Menschen über Heimat und persönliche Herausforderungen zu sprechen, hat meinen Blick auf Finnland und Deutschland verändert.


In Helsinki kann Oodi ein erster Treffpunkt für Menschen sein, die neu in der Stadt sind. Der Ort ist offen und leicht zugänglich. Ein Besuch ist weder an einen Behördentermin noch an einen bestimmten Aufenthaltsstatus gekoppelt.


In Deutschland haben wir viele gute Beratungsstellen. Doch wer Unterstützung braucht, muss häufig zuerst wissen, welche Stelle zuständig ist, wie man sie erreicht und ob ein Termin notwendig ist. Schon diese Hürden können Menschen davon abhalten, Kontakt aufzunehmen.


Seit meinem Besuch beschäftigt mich deshalb eine Frage: Was wäre, wenn Integration nicht zuerst im Amt beginnen würde, sondern an Orten, die allen offenstehen?


Orte, an denen man andere Menschen treffen, eine Sprache üben, Hilfe finden oder zunächst einfach nur ankommen kann.


Dialog braucht zugängliche Orte


Für unsere Arbeit bei FIDeV nehme ich einen Gedanken aus Helsinki mit: Dialog und Ankommen brauchen echte Orte. Gute Konzepte auf Papier reichen nicht aus.


Oodi zeigt, wie ein solcher Ort aussehen kann. Offen, vielseitig und gemeinsam mit den Menschen entwickelt, die ihn später nutzen.


Und was bedeutet dieser Gedanke für Frankfurt? Könnte unsere Paulskirche ein ähnlicher Ort werden? Dort wird viel über Demokratie und gesellschaftlichen Zusammenhalt diskutiert. Vielleicht könnte sie noch stärker zu einem offenen Treffpunkt werden, an dem Menschen nicht nur über das Zusammenleben sprechen, sondern es im Alltag erleben.


Gibt es in Ihrer Stadt einen Ort, der für alle als Treffpunkt funktioniert? Schreiben Sie uns. Wir freuen uns auf Ihre Beispiele.


Quellen und weiterführende Informationen


Die Angaben zur Entstehung, Eröffnung und Ausstattung von Oodi beruhen auf Informationen der Zentralbibliothek Oodi, der Stadt Helsinki und von ALA Architects:


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