Rückblick: Medien, Macht und Meinung
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Zwischen Algorithmen, Glauben und Desinformation: Wer beherrscht die öffentliche Meinung?

In einer Ära beispielloser medialer Dynamik steht unsere demokratische Gesellschaft vor einer Zerreißprobe. Während die Digitalisierung den Zugang zu Informationen so stark wie nie zuvor demokratisiert hat, wachsen gleichzeitig die Herausforderungen durch Fake News, algorithmische Echokammern und eine zunehmende gesellschaftliche Polarisierung. Unter dem Titel „Medien, Macht und Meinung“ lud das Projekt Agora FFM des Forums für Interkulturellen Dialog e.V. (FIDeV) gemeinsam mit dem Haus am Dom und der IJA e.V. zur zweiten großen Podiumsdiskussion.
Vor voll besetztem Haus und einem auffallend jungen Publikum im Frankfurter Haus am Dom diskutierten hochkarätige Gäste unter der Moderation des bekannten ZDF-Redakteurs und Islamwissenschaftlers Abdul-Ahmad Rashid über die Frage, wie mediale Dynamiken politische Haltungen formen und wie frei unsere Meinungsbildung im digitalen Zeitalter überhaupt noch ist.
Das Fundament der Demokratie: Begegnung statt digitaler Erregung
Eröffnet wurde der Abend von Kadir Boyaci (Geschäftsführer des FIDeV), der die Kernphilosophie des Projekts Agora FFM – Demokratie braucht Begegnung auf den Punkt brachte: „Demokratie lebt von informierten Bürgerinnen und Bürgern, von unterschiedlichen Perspektiven und vor allem von offenem Austausch miteinander.“ In einer Zeit, in der Polarisierung und gesellschaftliche Spannungen zunehmen, seien analoge Räume, in denen Menschen respektvoll miteinander ins Gespräch kommen, überlebenswichtig. „Gesellschaftlicher Zusammenhalt entsteht nicht allein durch digitale Kommunikation, sondern vor allem durch persönliche Begegnungen, Zuhören und Dialog.“
Gefördert wird diese wichtige Veranstaltungsreihe durch die Stadt Frankfurt am Main sowie das Amt für Multikulturelle Angelegenheiten (AMKA).
Die Verschiebung der Gewichte: Podosphäre und „Rattenfänger“ im Schlafzimmer
Ein zentrales Thema des Abends war der massive Bedeutungsverlust traditioneller Medien gegenüber neuen digitalen Formaten. Navid Wali, Pädagoge in der Extremismusprävention beim Violence Prevention Network und selbst mit über 37.000 Followern auf Instagram aktiv, warnte eindringlich vor der unterschätzten Macht alternativer Plattformen. Er verwies auf reichweitenstarke Formate wie den Podcast „Ben unscripted“, in dem radikale Akteure wie Björn Höcke oder salafistische Prediger stundenlange, ungefilterte Plattformen erhalten.
„Diese Reichweite bedeutet Macht“, betonte Wali. „Die digitalen Räume führen zu einer Selbstermächtigung von Communities. Filterblasen sind keine kleinen Nischen mehr, sondern erzeugen große Community-Gefühle, die auch im Analogen münden.“
Besonders gefährdet seien vereinsamte Jugendliche. Früher standen Salafisten mit Koran-Verteilaktionen in den Innenstädten und wirkten fremd. Heute, so Wali, passiere die Rekrutierung per Social Media, Live-Formaten und geschlossenen Servern direkt im Kinderzimmer: „Ein gemobbtes 13-jähriges Mädchen, das plötzlich mit Niqab im Livestream sitzt, bekommt von der digitalen Community Herzchen, Rosen und Anerkennung. Da ist anfangs oft keine Ideologie dahinter, sondern das Bedürfnis nach Selbstwertgefühl, das von diesen Rattenfängern instrumentalisiert wird.“
Prof. Dr. Vera Pirker, Professorin für Religionspädagogik und Mediendidaktik an der Goethe-Universität Frankfurt, bestätigte diesen Trend aus christlicher Perspektive. Auch im christlichen Kontext verlagere sich vieles in Mikro-Livestreams auf TikTok oder Instagram, wo gemeinsam die Bibel gelesen werde. Sie beobachte eine zunehmende Radikalisierung hin zu exklusiv-konservativen Formen: „Online fühlen sich alle als Minderheiten.“ Gleichzeitig stellte sie fest, dass Menschen wieder eine „Lust auf Langformate“ entwickelt haben – ein Grund, warum mehrstündige Podcasts so erfolgreich sind.
Das Chamäleon Internet: Inszenierung und Fake News am Beispiel Frankfurts
Wie rasant sich Empörung im Netz kanalisieren lässt, berichtete der Soziologe und ehemalige Frankfurter SPD-Stadtverordnete Omar Shehata am Beispiel der Frankfurter Ramadan-Beleuchtung auf der Fressgasse, als einer der zahlreichen Anträge, die er initiierte. Während das Projekt analog parteiübergreifend und in der Bevölkerung positiv aufgenommen wurde, zeigte sich in den sozialen Netzwerken die Fratze des sogenannten „Ragebaits“ – das gezielte Platzieren von kalkulierten Provokationen zur Reichweitensteigerung.
„Das Internet und vor allem die sozialen Medien sind eine Art Chamäleon“, analysierte Shehata. Es werde mit Fake News agiert (etwa der Behauptung, die Beleuchtung sei nicht aus städtischen Mitteln finanziert worden) und in sogenannten „Reaction-Videos“ werde Frankfurter Bürgern aufgrund ihres Aussehens das Deutschsein aberkannt. Spannenderweise, so Shehata, kam heftige Kritik auch aus Teilen der muslimischen Community selbst – mit der Begründung, eine solche Aktion befeuere nur den antimuslimischen Rassismus der extremen Rechten.
Die neue Gefahr durch Künstliche Intelligenz
Ein Raunen ging durch das Publikum, als Navid Wali über die neuesten Entwicklungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz (KI) sprach. KI werde von extremistischen Akteuren bereits strategisch genutzt. So füttern islamistische Influencer KI-Tools mit Koranversen und historischer Exegese, um hochanmutende, anderthalbstündige Videos zu generieren, die die Schrecken der Hölle visuell darstellen.
„Das ist religionspädagogisch das Schlimmste, was man machen kann“, kritisierte Wali. „Die individuelle Beziehung zum Schöpfer und die eigene Interpretation der Botschaft wird einer ganzen Generation weggenommen, weil ihnen die Hölle visuell fertig serviert wird.“
Zudem warnten die Podiumsgäste vor dem Einsatz von KI-Bot-Armeen, die gezielt Kommentarspalten fluten, um Andersdenkende systematisch einzuschüchtern und den öffentlichen Diskurs bewusst zu verschieben. Dies erkläre auch das massive Ungleichgewicht im Netz: Obwohl die salafistische Szene laut Verfassungsschutz im Promillebereich der in Deutschland lebenden Muslime liegt, machen ihre Inhalte fast 90 Prozent der islamischen Content-Präsenz auf Social Media aus.
Fazit: Was schützt unsere Demokratie?
Am Ende der von Abdul-Ahmad Rashid souverän und pointiert moderierten Debatte stand die Frage nach den Lösungen. Einig war sich das Podium, dass ein Verbot von Plattformen wie TikTok die falsche Antwort ist, da diese auch marginalisierten Gruppen eine Stimme geben.
Stattdessen brauche es eine massive Stärkung der Medienkompetenz – sowohl bei Schülern als auch bei Lehrkräften. Prof. Vera Pirker plädierte zudem für mehr Gelassenheit im digitalen Alltag: „Wir leben in einer Zeit, in der suggeriert wird, sofort zu allem eine Meinung haben zu müssen. Man darf sich auch die Zeit nehmen, mehrere Perspektiven zu prüfen.“
Das Schlusswort gehörte dem unschätzbaren Wert des persönlichen Gesprächs. Omar Shehata erinnerte daran, dass kein Algorithmus den direkten menschlichen Kontakt ersetzen kann: „Wir müssen den Menschen Räume geben, auch mal ihren Frust abzuladen. Nichts ersetzt das persönliche, respektvolle Gespräch von Angesicht zu Angesicht.“ Genau diese Räume hat das Agora-Projekt an diesem Abend einmal mehr erfolgreich geöffnet.









