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Tanz der Derwische

  • vor 5 Stunden
  • 3 Min. Lesezeit

Soziale Teilhabe

Rumi - Wenn Stille lauter wird als Worte



Frankfurt ist vieles gewohnt: Konzerte, Podien, politische Debatten. Doch am 25. Januar 2026 erlebte die Stadt einen Abend, der sich den üblichen Kategorien entzog. Sechshundert Menschen füllten den Saal – und dennoch war es vor allem eines: still. An diesem Abend stand Mevlânâ Dschalaladdin Rumi im Mittelpunkt. Nicht als historisches Denkmal, nicht als folkloristische Figur, sondern als lebendige Brücke zwischen Kulturen, Religionen und inneren Welten. „Rumi – Tanz der Derwische" war mehr als ein Kulturprogramm. Es war eine Einladung, innezuhalten.


Bereits vor Beginn der eigentlichen Aufführung lud eine kleine Ausstellung mit Kalligrafie- und Ebru-Kunst zum Verweilen ein. Viele Besucherinnen und Besucher nahmen sich Zeit, betrachteten die Werke, kamen ins Gespräch. Es war ein bewusstes Entschleunigen, ein Übergang vom Alltag in einen anderen Raum. Die fein geschwungenen Linien der Kalligrafie und die fließenden Muster der Ebru-Kunst schufen eine Atmosphäre, die bereits erahnen ließ: Dieser Abend würde anders werden.



Die Kraft der Drehung

Im Zentrum des Abends stand die Semâ-Zeremonie der Derwische, begleitet von Sufi-Musik und ausgewählten Rumi-Texten. Die Drehbewegung, oft missverstanden als Tanz, entfaltete ihre eigentliche Wirkung gerade durch ihre Zurückhaltung. Es gab keinen Applaus, keine Unterbrechung, keine Effekte. Stattdessen eine Konzentration, die den gesamten Raum erfasste. Jede Drehung wurde zum Symbol für Hingabe, Liebe und spirituelle Transformation – Themen, die Rumi vor über 700 Jahren in Worte fasste und die an diesem Abend unmittelbar erlebbar wurden.


Man konnte beobachten, wie sich etwas veränderte: Menschen lehnten sich nicht zurück, sie richteten sich innerlich auf. Die Bewegungen der Derwische, die sich im Kreis drehten, ihre weißen Gewänder wie Flügel um sich gebreitet, schufen eine Stille, die tiefer ging als jede Musik. Es war, als würde die Zeit innehalten.


Viele Gäste sagten später, sie hätten selten eine solche Intensität erlebt. Eine Besucherin aus Gießen formulierte es so: „Ich wusste nicht, dass es im Islam etwas derart Tiefbewegendes gibt. Es fühlte sich an, als wäre es nicht von dieser Welt." Solche Rückmeldungen waren an diesem Abend keine Ausnahme. Viele kamen zum ersten Mal mit der spirituellen Dimension des Islams in Berührung – nicht über Diskussionen oder Erklärungen, sondern über Erfahrung. Genau darin liegt die besondere Kraft solcher Formate: Sie sprechen eine Sprache, die über das Rationale hinausgeht.


Der zweite Teil des Programms mündete in eine Fragerunde mit dem Rumi- und Derwisch-Experten Abdulkadir Dikici. Die Fragen reichten von theologischen Aspekten bis zu sehr persönlichen Themen. Manche Antworten waren sachlich, andere emotional. In einigen Momenten versagte die Stimme; Tränen traten an die Stelle von Worten. Es waren Augenblicke, die zeigten, dass Spiritualität nicht distanziert, sondern zutiefst menschlich ist. Das Publikum erlebte keine perfekt inszenierte Show, sondern echte Begegnung – mit Rumi, mit den Derwischen, mit sich selbst.



Şeb-i Arûs mitten in Deutschland

Auch die organisatorische Seite des Abends wurde von vielen positiv hervorgehoben: pünktlicher Beginn, klare Struktur, ruhiger Ablauf. Eine Besucherin bemerkte, es habe sie an die Atmosphäre der Şeb-i Arûs-Gedenkfeiern in Konya erinnert – nur eben mitten in Deutschland. Dieses Lob zeigt: Es ist möglich, spirituelle Tiefe authentisch zu vermitteln, ohne sie zu vereinfachen oder zu exotisieren.



Rumi als Brückenbauer

Der Abend war zugleich Ausdruck eines größeren gesellschaftlichen Interesses. Rumi ist im Westen längst kein unbekannter Name mehr. Seine Gedichte werden gelesen, zitiert, vertont. Doch das Bedürfnis, ihn tiefer zu verstehen, wächst. Nicht als exotische Figur, sondern als Denker einer Ethik der Liebe, der Verantwortung und des Friedens. Als jemand, der Grenzen überwindet – zwischen Religionen, zwischen Kulturen, zwischen Herz und Verstand.


„Ich habe mich gefühlt wie jemand, der lange gesucht hat", schrieb eine Teilnehmerin nach dem Abend. „Die Begegnung hat mich so berührt, dass ich es kaum in Worte fassen kann. Die Tränen fließen noch immer." Vielleicht ist genau das der Punkt. In einer Zeit, in der viel geredet wird, kann Stille manchmal mehr sagen als jede Erklärung.


Frankfurt hat an diesem Abend erlebt, wie Begegnung aussehen kann, wenn sie nicht nur den Kopf, sondern auch das Herz erreicht. Für uns als Forum für Interkulturellen Dialog war dieser ausverkaufte Abend eine Bestätigung: Dialog geschieht nicht nur in Worten, sondern auch in Klängen, in Bewegungen, in gemeinsamer Stille. Rumi ist kein Randthema – er ist ein Angebot, über Grenzen hinweg zu denken und zu fühlen.


Unser Dank gilt allen, die diesen besonderen Abend möglich gemacht haben: den Derwischen, die ihre spirituelle Praxis mit uns geteilt haben, Abdulkadir Dikici für seine tiefgehenden Impulse, den Künstler:innen der Kalligrafie- und Ebru-Ausstellung und allen Gästen, die mit offenen Herzen kamen. Die 600 Menschen, die an diesem Abend still im Saal saßen, haben gemeinsam etwas erlebt, das weit über eine Veranstaltung hinausgeht – eine Erfahrung von Verbundenheit, die nachklingt.

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